Raum III · Soziale Kosten

Schatten des Wirtschaftswunders

Gini ~0,47

Ungleichheitsindex Chinas 2010
(WHO-Warnschwelle: 0,40)

300 Mio.

Wanderarbeiter*innen ohne
städtische Sozialrechte

4. Juni 1989

Tiananmen-Massaker:
Demokratiebewegung zerschlagen

Hukou

Meldesystem: strukturelles
Werkzeug sozialer Kontrolle

Tank Man, Tiananmen 1989
© Jeff Widener / AP · 5. Juni 1989

Exponat 3.1 · Historisches Dokument

„Tank Man", Das Foto einer Epoche

5. Juni 1989, einen Tag nach dem Massaker: Ein unbekannter Mann stellt sich einer Panzerkolonne der Volksbefreiungsarmee in den Weg. Das Foto von Jeff Widener gilt als eines der bedeutendsten des 20. Jahrhunderts und ist in China bis heute zensiert.

Tiananmen-Platz nach dem Massaker 1989
© Archivaufnahme · 4./5. Juni 1989

Exponat 3.2 · Historisches Dokument

Tiananmen, 4. Juni 1989

Soldaten räumen den Platz des Himmlischen Friedens. Als Studierende wochenlang für demokratische Reformen demonstrierten, befahl Deng Xiaoping den Militäreinsatz. Schätzungen: zwischen einigen Hundert und mehreren tausend Toten.

Exponat 3.3 · Systemanalyse

Der innere Widerspruch

Deng versprach eine „harmonische Gesellschaft", doch das System produziert strukturelle Ungleichheit:

Stadt vs. Land, Küstenprovinzen boomen, Hinterland bleibt arm.

Parteikader vs. Arbeiterklasse, politische Verbindungen bestimmen Zugang zu Kapital.

Wirtschafts- vs. politische Freiheit, das eine wächst, das andere wird aktiv unterdrückt.

Exponat 3.4 · Konzept

Das Hukou-System: Bürger zweiter Klasse

Das Meldesystem Hukou teilt die Bevölkerung in städtische und ländliche Haushalte ein. Wer vom Land in die Stadt zieht, verliert Ansprüche auf Bildung, Krankenversorgung und Rente.

200–300 Millionen Wanderarbeiter lebten so in einem rechtlichen Zwischenraum. Die Einkommensschere war enorm: Städtische Einkommen lagen 2004 bei 9.422 Yuan, ländliche bei nur 2.936 Yuan, ein Verhältnis von 3:1.

Das System institutionalisierte soziale Ungleichheit als Dauerzustand und machte Wanderarbeiter zu Bürgern zweiter Klasse im eigenen Land.

Exponat 3.5 · Fallstudie · Politische Unterdrückung

Wei Jingsheng: Die fünfte Modernisierung

Wei Jingsheng verkörperte das Schicksal vieler seiner Generation. Er wuchs im „neuen China" auf und wurde wie alle Jugendlichen tief im Marxismus und Mao-Gedankengut erzogen. Während der Kulturrevolution nutzte er die chaotischen Verhältnisse, um das Land zu bereisen, bevor er später in die Landwirtschaft „hinuntergeschickt" wurde. Nach einer Zeit als Soldat in der Volksbefreiungsarmee kehrte er nach Peking zurück, wo er Ende der 1970er Jahre als Elektriker im Pekinger Zoo arbeitete.

Wei gehörte zu den aktivsten Stimmen der Demokratiemauer-Bewegung von 1978 bis 1979. Er schrieb Plakate mit politischen Ideen und hängte sie an der berühmten „Demokratiemauer" aus. Sein bekanntestes Plakat forderte eine „Fünfte Modernisierung" — gemeint war die Demokratie — als direkte Antwort auf Dengs Vier Modernisierungen. Bemerkenswert: Er unterschrieb das Plakat mit seinem echten Namen und seiner Adresse.

Sein Engagement brachte ihn ins Visier der Behörden. 1979 wurde er wegen angeblicher Weitergabe von Staatsgeheimnissen an einen Ausländer angeklagt und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung 1993 dauerte es nur sechs Monate, bis er erneut verhaftet und diesmal wegen „Konterrevolution" zu weiteren 14 Jahren verurteilt wurde. 1997 wurde er freigelassen und ins Exil in die USA geschickt.

Weis Fall zeigt exemplarisch, wo Dengs Pragmatismus aufhörte: Wirtschaftliche Öffnung war erlaubt, politische Meinungsäußerung nicht. Die Forderung nach Demokratie war für die KPCh keine Reform, sondern ein Verbrechen.

Exponat 3.6 · Primärquelle · Originaldokument

„Die Fünfte Modernisierung: Demokratie" (1978)

Das Originalplakat von Wei Jingsheng — veröffentlicht an der Demokratiemauer in Peking, 5. Dezember 1978. Es kostete ihn 15 Jahre Freiheit.

Gini-Koeffizient China 1981–2020

0.40 0.20 0.30 0.40 0.50 0.28 1981 0.47 2010 2020 +68 % in 30 Jahren

Quelle: World Bank · Zeithistorische Forschungen 2022

Exponat 3.6 · Statistik

Ungleichheit im Zeitverlauf

Der Gini-Koeffizient stieg von 0,28 (1981) auf 0,47 (2010), ein Anstieg von 68 % in drei Jahrzehnten, weit über die WHO-Warnschwelle von 0,40. China überschritt diese Schwelle um das Jahr 2000, mitten im Wirtschaftsboom. Ungleichheit war kein Nebeneffekt: Die Partei selbst formulierte das Ziel, dass „ein Teil der Gebiete und einige Menschen zuerst reich werden" sollten.

9.422 Yuan
Städtisches Einkommen 2004
2.936 Yuan
Ländliches Einkommen 2004
200–300 Mio.
Wanderarbeiter ohne Zugang zu städtischen Sozialleistungen durch das Hukou-System

Exponat 3.7 · Ökologie

Der ökologische Preis

#1
weltgrößter CO₂-Emittent seit ~2006, direkte Folge der industriellen Expansion seit 1978
~1/3
chinesischer Städte hatten 2010 gefährliche Luftqualität, Smog als Symbol des Wachstums
70 %
der Flüsse und Seen gelten als verschmutzt, vergiftetes Trinkwasser für Millionen
Luft
PM2,5-Werte in Peking lagen regelmäßig 40× über dem WHO-Grenzwert, Smog war Alltag für Hunderte Millionen.
Wasser
Industrieabwässer vergifteten Flüsse und Grundwasser landesweit, in manchen Regionen kein sicheres Trinkwasser.
Boden
~19 % der landwirtschaftlichen Flächen gelten als kontaminiert durch Industrie und Intensivlandwirtschaft.

Wende 2013: Nach dem „Airpocalypse" in Peking reagierte die Regierung erstmals ernsthaft. Seitdem investiert China mehr in erneuerbare Energien als jedes andere Land, 750 Mrd. USD allein 2023. Derselbe Pragmatismus, der die Umwelt zerstörte, treibt nun die grüne Transformation.

"

Stabilität ist das Wichtigste von allem. Ohne Stabilität gibt es keine Reform, keine Öffnung, keine Entwicklung.

— Deng Xiaoping, 1989 · Ausgesprochen wenige Wochen vor dem Tiananmen-Massaker. Stabilität als Rechtfertigung für Gewalt