Exponat 2.A · Historischer Kontext
Nach der Kulturrevolution und Maos Tod war Chinas Wirtschaft in einer tiefen Krise. Das Hauptproblem: Schwerindustrie und Leichtindustrie hatten sich massiv ungleich entwickelt. Innerhalb von 31 Jahren erhielt die Schwerindustrie 347 Milliarden Yuan an Investitionen, die Leichtindustrie dagegen nur 39 Milliarden Yuan. Die Folge: Die Bevölkerung hatte viel zu wenige Alltags- und Konsumgüter, der Lebensstandard sank.
Die starre Verwaltung von oben bremste jeden technischen Fortschritt. In den Städten herrschte hohe Arbeitslosigkeit, verschärft dadurch, dass 17 Millionen Jugendliche, die während der Kulturrevolution zur Zwangsarbeit aufs Land geschickt worden waren, nun in die Städte zurückkehrten und neue Jobs brauchten.
Finanziell stand der Staat vor dem Abgrund: 1979 betrug das Budgetdefizit etwa 17 Milliarden Yuan, mit steigender Inflationsgefahr.
Exponat 2.B · Dengs Antwort
Um diese Krisen zu bewältigen, leitete Deng Xiaoping ab 1978 die Reform- und Öffnungspolitik ein, mit dem Ziel, China aus der Armut zu bringen und zu modernisieren, ohne das politische System der KPCh aufzugeben.
Strukturell aufgebaut auf den Vier Modernisierungen von Zhou Enlai: Landwirtschaft, Industrie, Verteidigung, Wissenschaft & Technik. Unter Mao stand die Ideologie über allem, genau das war der Grund für Chinas wirtschaftlichen Rückstand gegenüber anderen ostasiatischen Ländern.
Deng ersetzte Ideologie durch Pragmatismus: „Egal ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie fängt Mäuse." Das bedeutete: Es spielt keine Rolle, ob eine Methode aus dem Kapitalismus oder Sozialismus stammt, solange sie Armut bekämpft und Wachstum fördert, ist sie legitim. Die Öffnung gegenüber dem Welthandel und die Sonderwirtschaftszonen, allen voran Shenzhen, waren direkte Konsequenzen dieses Denkens.
jährliches BIP-Wachstum
Ø 1978–2000
Menschen aus extremer
Armut befreit 1978–2015
erste Sonderwirtschaftszonen
ab 1980 (SEZs)
III. Plenum · Beginn des
historischen Reformkurses
Exponat 2.1 · Fotografie · Vorher/Nachher
1984, noch Felder, Hügel, vereinzelte Gebäude. 2023, eine der dichtesten Megacities der Welt. Kein Foto illustriert Dengs Wirtschaftswunder deutlicher als dieser Vergleich vom selben Punkt aus aufgenommen.
Exponat 2.2 · Fotografie · Vorher/Nachher
Oben: Fahrräder, Lastwagen, Felder am Straßenrand, Shenzhen in den frühen 1980ern. Unten: sechsspurige Allee, Wolkenkratzer, Busse. Derselbe Blickwinkel, drei Jahrzehnte auseinander.
Exponat 2.3 · Schlüsselkonzept
Die Vier Modernisierungen sind ein wirtschaftliches Reformprogramm, das ursprünglich auf Premierminister Zhou Enlai zurückgeht, der bereits 1963 die Modernisierung der Landwirtschaft, der Industrie, der Verteidigung sowie der Wissenschaft und Technik als Ziele Chinas festlegte. Umgesetzt wurden sie jedoch erst 1978 unter Deng Xiaoping. Beim 3. Plenum des 11. Zentralkomitees im Dezember 1978 verurteilte Deng die Kulturrevolution und setzte den Fokus Chinas fortan auf wirtschaftliche Entwicklung.
Unter Mao mussten Bauern in Volkskommunen ohne Leistungsanreiz arbeiten. Deng schaffte die Kommunen 1982 ab: Bauern durften Land pachten und Überschüsse frei verkaufen. Zwischen 1981 und 1984 stieg die ländliche Produktion um 9 %, das Pro-Kopf-Einkommen vervielfachte sich, ländliche Unternehmen wuchsen um 28 % pro Jahr.
Ab 1984 wurden staatliche Betriebe eigenverantwortlicher, kleine Privatunternehmen zugelassen und 1988 alle Einschränkungen aufgehoben. Sonderwirtschaftszonen wie Shenzhen, Xiamen, Zhuhai und Shantou lockten ausländisches Kapital mit Steuervorteilen und niedrigen Löhnen. Shenzhen: 1979 ein Fischerdorf, wenig später eine pulsierende Industriemetropole.
China hatte sich unter Mao jahrzehntelang vom Westen abgeschottet und war technologisch weit zurückgefallen. 1979 nahmen China und die USA erstmals offizielle diplomatische Kontakte auf. Deng unternahm eine Auslandsreise in die USA, die den Außenhandel ankurbelte. Westliche Technologien, Managementmethoden und ausländische Investitionen wurden gezielt ins Land geholt.
Die Modernisierung des Militärs war Teil des Programms, wurde in der Reformperiode aber bewusst hintenangestellt. Deng wollte die knappen Ressourcen lieber in Wirtschaft und Technologie investieren, um eine stabile wirtschaftliche Basis zu schaffen, bevor das Militär ausgebaut wird.
Exponat 2.4 · Fotografie
1985, Ackerland und erste Baustellen. 2015, ein Horizont aus Hochhäusern. Shenzhen wuchs schneller als jede andere Stadt der Geschichte.
Das Foto zeigt denselben Standpunkt, dreißig Jahre auseinander. Kein Bild verdeutlicht Dengs Reformpolitik eindrücklicher: Aus dem Nichts entstand eine der dichtesten Metropolen der Welt, mit über 17 Millionen Einwohnern heute.
Shenzhen war Dengs Experiment in reinster Form: eine Zone, in der kapitalistische Regeln galten, während der Rest des Landes noch sozialistisch organisiert war.
Lasst einige zuerst reich werden, dann werden sie die anderen mitziehen.
— Deng Xiaoping · Kernprinzip der Öffnungspolitik. Ungleichheit war einkalkuliert, keine Nebenwirkung.